Sumo-Ringer, Pantoffel-Interview und der letzte Eintrag

30. März 2010

Drama, Drama, der letzte Tag der Weltreise ist angebrochen. Kofferpacken, Geschenkekaufen, rumheulen und dann noch diesen Blog zu Ende bringen. Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Es hilft nichts, ich muss mich kurz fassen. Der Rest folgt als Livebericht. Eh viel schöner.
Also:
Nach Tagen in Osaka (dem Berlin Japans) osakakam es im Zuge einer Recherche über Kapselhotels in Kyoto zu folgender kurioser Premiere: ich führe das erste Mal in meinem Leben ein Interview in Pantoffeln. Nach einer Nacht in diesem unbedingt empfehlenswerten Sleeping Hub des 9hours-Hotels ninehourstreffe ich in der Lobby auf Mr. Yui, den Manager des Designhotels. Er natürlich im grauen Zwirn mit Rolex am Arm, ich im Coco Chanel inspirierten Uniqlo-Kleid und Nylonstrumpfhosen. So weit, so schick – wären da nicht die Pantoffeln an unseren Füßen. Da kennen die Japaner kein Pardon. Ob Tempelbesuch, Teezeremonie oder Geschäftsessen im Ryotei, Stöckel- und Halbschuhe kommen aus!
Selbstverständlich respektiert der Europäer diesen Brauch, aber Anzüge und Kleider sehen mit Puschen schon sehr spaßig aus, da kann ich mir nicht helfen. Mir kommen immer noch die Tränen, wenn ich an den feinen Herrn Yui und mich in der Lobby denke.

Vor Lachen auf die Schenkel klopfe ich mir allerdings nicht mehr beim Anblick speckiger Sumo-Boys. Wir haben die letzten Yen in ein Ticket für ein Turnier in Osaka gesteckt und die anfängliche Skepsis schlägt schnell in Begeisterung um. sumoAllein wie die rikishi (Kämpfer) zur Reinigung eine Handvoll Salz in den Ring (dohyo) streuen, wie sie in die Hände klatschen, um die Aufmerksamkeit der Götter zu erregen und mit dem Fuß aufstampfen, um das Böse zu vertreiben – großes Kino. Kann es diese Rituale nicht in der Bundesliga geben? Kann nicht Schweinsteiger sein Haupthaar zu einem Gingkoblatt frisieren? Ich würde immer Bundesliga gucken, ich schwör’!

Und zum Fussballgucken ist ja bald Gelegenheit, denn das war es nun mit sechs Monaten on the road. Das Geld ist alle, im Pass werden die Seiten knapp – Zeit nach Hause zu fliegen. passAn dieser Stelle könnte man jetzt furchtbar rührseelig werden, aber es gibt keinen Grund wie ein Schluck Wasser in der Rechtskurve zu hängen (rede ich mir jetzt ma’ ein). Die Zukunft sieht rosig aus: wir sehen die treuen Pudel-Leser wieder (es gibt ja einen neuen, kleinen in Düsseldorf!) und außerdem stehen uns goldene Zeiten bevor, vorausgesetzt diese Glückskeks-Prophezeiungen treten ein:keks

Naoshima – Fukuoka – Nagasaki

22. März 2010

Die beiden 7eleven-Angestellten hinterm Tresen starren ihren einzigen Kunden, eine Langnase, schweigend an. Die hat gerade einen druckfrischen
10000-Yen-Schein aus dem Automaten gezogen und vor ihren Augen zerissen. Ein Affront gegen die japanische Währung? Nein, ich bin mal wieder etwas zerstreut heute: Quittung in die Brieftasche, 80 Euro in den Müll. Sehr gut Andi!
10000
Wir haben nach acht Tagen Tokyo unseren Railpass eingelöst und die Hauptstadt Richtung Westen verlassen. Mit dem Pass kann man für 450 € 21 Tage lang zweiter Klasse durchs Land reisen, allerdings im First-Class-Ambiente. Egal ob superschneller Shinkansen oder lokale Bimmelbahn, es gibt reichlich Platz, die Schaffner verbeugen sich beim Betreten UND Verlassen des Waggons und die adrett uniformierten Zugführer setzen eine Miene auf, als kutschierten sie den Tenno persönlich. Da kann sich die BVG ruhig mal ein Scheibchen abschneiden.
Unser erstes Ziel: die Inseln im Seto-Inlandsee. Die Gegend erinnert ein bisserl an die schwedischen Schärengärten. Im Gegensatz zu Skandinavien sind hier überall Aquakulturen. Es riecht fischig, algig und irgendwie ölig. Auf der Insel Shodoshima finden wir ein kleines Ryokan-Hotel. Hier ist das Leben erheblich beschaulicher. Sogar die Werbung beschränkt sich auf Leuchtschriften im traditionellen Style.
laterne
Unser eigentliches Interesse aber gilt der Nachbarin Naoshima. Diese Insel ist komplett mit Kunstmuseen, Installationen und Skulpturen überzogen. Besonders beeindruckend die Lichtinstallationen von James Turrell im halb unterirdischen Chichu Art Museum. Fotografieren verboten.
Knipsen wir halt die Skulpturen, wie zum Beispiel diesen Kürbis von Yayoi Kusama.
kuerbis
Nach zwei Tagen Landleben muss wieder eine Stadt her. Empfohlen wurde uns Fukuoka im Westen des Landes, wegen der Yatai, mobile Garküchen am Ufer des Nakasu. Trotz Warnung eines Locals (“Way too expensive!“) setzen wir uns in eine der Bretterbuden und bestellen ein paar Spiesschen und zwei Bier.
spiesschen
60 € kostet uns unsere Neugier. Damn!
Da bleib ich doch lieber bei Sushi (ca. 15 €) oder meinen geliebten Ramen. Das sind große Nudelsuppen für ca. 5 Euro. Getrübt wird dieser Genuss leider von den Extremstgeräuschen der japanischen Tischnachbarn. Sie heben mit den Stäbchen einen Nudelbatzen aus der Suppe, stecken den Anfang in den Mund und saugen den Rest lautstark ein. (Getoppt wird dieses Geräusch nur noch vom Nase-Hochziehen. Selbst zartgliedrigste Frauen ziehen im 3-Sekundentakt ihren Schnodder quer durch den Kopf.) Starker Tobac für ein europäisches Nervenkostüm.
Zum Frühstück gönne ich mir immer ein bis zwei dieser halbrohen Schokoladen-Hefe-Teile aus dem Family-Mart. Die sind der Wahnsinn
teilchen
und schmecken wie früher Kuchenteigschüsselausschlecken bei Mama.
Am letzten Tag im Westen des Landes fahren wir nach Nagasaki. Hier besuchen wir nicht die Atombomben-Mahnmale (das ist für Hiroshima geplant) sondern probieren mal eines dieser Love-Hotels aus.
(Aus Recherchezwecken natürlich. Meine Freundin ist Journalistin!)
In diesen Etablissements mieten vornehmlich Japaner für 3-12 Stunden ein Zimmer, um mit dem Partner ihrer Wahl der heimischen Enge und Hellhörigkeit zu entfliehen.
love2
In der Lobby ist kein Mensch. Alles automatisiert. Man sucht per Knopfdruck das gewünschte Zimmer aus und ein Automat druckt die Keycard aus. Oben im Zimmer verriegelt sich hinter uns die Tür. Eingesperrt. Na toll. Und wenn’s brennt?
Bezahlt wird eigentlich per lustiger Rohrpost. Da ich das nicht kapiere, muss sich ein Angestellter an unsere Tür bemühen. Das Wechselgeld kommt am nächsten Morgen auf dem diskreteren Weg.
Das Zimmer: Queensize Doppelbett mit Mahagoni-Imitat, Kronleuchter und Karaoke-Anlage.
karaoke
Das Bad: Onsen-Dusche, Whirlwanne und Minitrockner. In beiden Räumen natürlich Flachbildschirme. Auf denen laufen japanisches Baseball, japanisches MTV, Blockbuster und geblurrte Schmuddelfilme.
Wir entscheiden uns für „Ein Quantum Trost“, krümeln mit Reiscrackern das Bett voll, stoßen mit Sake aus Landliebegläsern an und so weiter…
— A —

Die Japangalerie is on.

Tokyo Tokyo!

12. März 2010

Wir sind in Japan und schießen seit Tagen wie Kugeln in einem Flipperautomat durch Tokyo und Umgebung. Ding ding ding ding! Es gibt so viel zu sehen, so viel zu fotografieren. Wo anfangen, wo aufhören?
Manga-Mädchen-Reklame!
reklame

Mount Fuji mit verspielten Zug!fuji
Geta, traditionelle Holzschuhe, in der U-Bahn!
kimono_shoes

Menschenmeer an der Shibuya Kreuzung! shibuya

Der Sensō-ji Tempel in Asakusa! shinto

Bento Boxen, der Welt schönstes Take-Away-Essen!
fastfood

Asimo, humanoider Roboter und Star des Miraikan Museums (Prinz Pudel traut sich bei all dem High Tech Spielzeug schon nicht mehr aus dem Koffer)!

Und dazwischen all die feschen Japaner in Prada und Gucci mit Mundschutz und Hello-Kitty Anhängern an der Tasche. Schaut man sich suchend um, findet sich stets einer von ihnen, um den “Gaijin” (reisender Ausländer) an der Hand auf Bahnsteige, zu Hotels und Nudelhäusern zu geleiten. Verliert der dusselige Gaijin im Museum sein Portemonnaie, kann er sich sicher sein, dass es eine vornehme Dame an der Kasse abgibt (samt aller Kreditkarten und Yen-Noten versteht sich).

Es ist herrlich!
Man müsste nur ein bisschen kleiner sein, dann könnte man sich leichter in die Setzkasten-Fächer des Hotels einsortieren. Sechs Tatami-Matten misst der Raum im Tokyo Ryokan, einem traditionellen japanischen Inn. Sehr stilvoll, mit Papier bespannte Fensterrahmen, Pinien- und Zedernduft verströmend, klinisch reine Futons, ryokanaber zehn Quadratmeter Platz (ohne Schrank) sind für ungelenkige Europäer keine leichte Übung.
Wimpernzange in der ruckeligen U-Bahn benutzen? Welches Mädchen kommt auf solch kühne Ideen? schild Seit ich auf sechs Reisstrohmatten wohne (übrigens die Standardgröße eines japanischen Wohn- bzw. Schlafzimmers sagt Gastgeber Kenichi), ziehe auch ich in Erwägung, mein Make-Up in der U-Bahn aufzulegen – da ist definitiv mehr Platz.

– Vau –

PS: Martin, Alex, Kai & Fonso – thanks a lot für eure feinen Tipps! Vom Punkrockjaponesen (kann leider hier nicht verlinkt werden, mir ist der Name entfallen) über Maid Cafés, Tokyu Hands und Vintage Stores in Daikanyama haben wir alles besucht!

Wailuha – Honolulu – Pūpūkea Beach

01. März 2010

OOOOOUUUUUJJJJIIIIIIHHHHH – Sirenengeheul fräßt sich in meinen Kopp. Verpennter Blick auf die Uhr: 6. Hä? Damit hab ich eigentlich erst in zwei Stunden gerechnet, schließlich wissen wir seit gestern Abend von dem Erdbeben in Chile und der Tsunamiwarnung für Hawaii. Und die Welle ist, wenn sie denn kommt, erst für 11:19 Uhr angekündigt. Zudem befindet sich unsere Unterkunft mit 30 Metern Abstand zwar relativ dicht am Wasser, dafür aber auf der dem Tsunami abgewandten Nordwestseite Oahus.
Es klopft. Unser Hausvater Don steht in der Tür. Sein sonst stets präsentes “Aloha” ist ihm aus dem Gesicht gefallen, aber er reißt sich zusammen: “Guys, don’t panic. We have enough time. Pack your important things and go upper ground.”
Während KFVE empfiehlt, für 5-7 Tage Essen und Trinken einzusacken,
kfve
stopfen wir Laptop, Kamera, Pässe und ein paar Shirts in unsere beiden Rücksäcke. Den Rest im dicken Rolli müssen wir da lassen.
Schneller Kaffee, da steht Don schon wieder vor unserem Zimmer: “Go go go!!” Er lotst uns zu seinem Volvo und bringt uns, vorbei an der Schlange vorm Supermarkt, auf den Pupukea Mountain. Von dort können wir sehen, wie die Polizei den Küsten-Highway sperrt, mit Hubschraubern die Strände kontrolliert und alle Boote aus dem Hafen ins offene Meer wechseln.
Die ersten Einwohner Waimeas sind auch schon oben und wirken trotz des Ausnahmezustands recht entspannt. Es scheint wohl niemand Freunde in Chile oder ein Haus an der Beach zu haben.
hill
Dann warten wir: 11:00 – keine Welle. 11:30 – nix. 12:00 – alles ruhig.
Endlich um Eins kommt die Entwarnung und wir dürfen wieder runter. Glück gehabt.
Zurück im Haus checkt Vrony ihre Mailbox: Isabel und Familie in Chile geht es ebenfalls gut. Nochmal Glück gehabt.
Am Abend erholen wir uns gemeinsam am Grill von der Aufregung. Don ist wieder entspannt. Wahrscheinlich auch dank des Jägermeisters.
don
Abgesehen von diesem beklemmenden Tag war Hawaii mehr ein Relax-Urlaub und nicht sonderlich ereignisreich. Erwähnenswert ist noch unser Beach-BBQ mit drei riesigen Micronesiern auf Kauai. Von denen haben wir gelernt, daß sie Angst vorm Verreisen haben, speziell nach Europa, und daß der einzige berühmte “Deutsche”, den sie kennen, ein Herr namens Hitler ist. Vielleicht gibt’s da ja einen Zusammenhang…
Wassersporttechnisch ging in den zwei Wochen leider nicht allzu viel. Denn die Wellen kamen entweder mit niedlichen zwei Fuß
vrony
oder direkt als 12 Fuß hohe Wände daher
surf
und zeigten auch dem ein oder anderen Profi die Grenzen auf.
broken
Too much for us. Aloha.

Die USA Galerie ist on / — A —

Hab noch was vergessen: Verena mußte beim Bier kaufen Ihre ID vorlegen,
SUP ist nur cool wenn man dick UND Ureinwohner ist
sup
und wir haben noch ein originalen Aloha-Lost-Don-Abschied bekommen.
aloha

Update

28. Februar 2010

Nach der Evakuierung haben wir etliche Stunden auf dem Pupukea Mountain zugebracht. Nun sind wir zurück im trocken gebliebenen Appartement.
Nachricht aus Chile haben wir auch schon. Isabel in Vina Del Mar geht es den Umständen entsprechend gut.
Welch ein Glück!!

Details später.

We are ok

27. Februar 2010

Schnell eine Nachricht – wir wissen nicht, welche Meldungen euch in Deutschland erreichen.
Wir sind okay, es ist sechs Uhr morgens, eine Sirene hat uns geweckt, da um 11:30 Uhr ein Tsunami auf Hawaii erwartet wird. Sind zwar am Meer, glücklicherweise ist hinter uns ein hoher Berg, auf den wir uns gleich zurückziehen werden.

Unsere Sorge gilt Isabel und ihrer Familie in Chile. WIr hoffen, bald von ihr zu hören.

Müssen jetzt packen
Verena & Andi

PS: Sind gerade auf Oahu, Hotel heißt Shark Cove http://www.sharkscoverentals.com/

Monterey – Santa Cruz – San Francisco – Bolinas

19. Februar 2010

highway1
Wir haben Los Angeles und seinen Bewohnern mit ihren Fönfrisuren, gebleichten Zähnen, Yogamatten unter dem Arm und iPhone am Ohr den Rücken gekehrt, um auf dem Pacific Highway in die Stadt zu zuckeln, in der zahnlose Hippies hinter Bäumen Verstecken spielen, die untergehende Sonne die Golden Gate Bridge in ein romantisches Rot taucht und man sich Blumen ins Haar flicht, während aus dem Radio „If you are going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair…“ plätschert. Ist natürlich Unsinn. Mac Stores, Sushi-Lokale und Frauen in High Heels haben das Stadtbild voll im Griff und luftige Hippiekleidchen sind bei den Temperaturen im bewölkten San Francisco ohnehin ungeeignet.goldengate1
Das sehe ich ein, bestehe aber darauf, auf der Haight Street immerhin ein wenig auf den Spuren der Hippiebewegung zu wandeln und einen Ausflug in das Örtchen Bolinas zu unternehmen, auf dessen Fährte wir dank einer Insiderinformation (Herr Z., haben Sie vielen Dank!) gelangen. Man muss wissen: Die 900 Bewohner von Bolinas montieren unermüdlich jedes Straßenschild, das den Weg in ihr Dörfchen weisen soll, ab. Bevor wir nach einer Irrfahrt durch die Redwoods endlich dieses Peace-Zeichen peacefotografieren können, beobachten wir in Santa Cruz jedoch erstmal die Surfer und streiten uns in Monterey darüber, wer der größere Seeotter-Fan ist. Im Grunde ist Andi der Otter-Freund von uns beiden – er sponsert sogar ein Fischotter-Reservat in Mecklenburg-Vorpommern! – seit ich jedoch im Monterey Aquarium beobachten durfte, wie ein Seeotter Gedanken verloren seine Schwanzflosse knetet, bin auch ich ganz verliebt in diese kleine Pfötchen

Flugs ein Fazit: USA ist trotz all seiner Widersprüche immer wieder ein Land, das man gerne bereist. Nicht zuletzt, weil man die steilen Straßen San Franciscos äußerst albern herunterspringen kann, ohne schräg angesehen zu werden.jump

Hollywood – Santa Monica – Santa Barbara – Pismo Beach

10. Februar 2010

Wir sind in Hollywood. Genauer: West Hollywood. Im Banana Bungalow, Melrose Ecke Fairfax. Unwissend, aber zielsicher wie Bergbauponys, haben wir uns an DER Einkaufsmeile niedergelassen. Also lassen wir Filmstudios und Walk of Fame links liegen und gehen erstmal shoppen. Ausgiebig shoppen. Am längsten stöbern wir bei sportie LA: Die haben anscheinend jeden Sneaker, der irgendwann mal hergestellt wurde. Unfassbar. Wir schlagen beide zu.
Nebenbei registrieren wir an jeder Ecke Seelenklempner. Im Angebot: Crystal Readings, Aura Cleansing und Restore Lost Love. Wir überlegen kurz und verzichten.
hollywood

Am vierten Tag machen wir uns auf nach San Francisco. Ursprünglich wollten wir den Highway Number One california-like in einem Campingbus hochfahren, doch erstens verlangen die Vermieter eine One Way Fee von 500 Dollar und zweitens ist es nachts einfach zu kalt. Also entscheiden wir uns für die PKW/Motel-Variante und mieten wir für kleines Geld einen adäquaten Sechszylinder. Los gehts den Sunset Boulevard runter bis zum Pazifik. Unsere erste Station, den Vorort Santa Monica, benutzen wir nur zum Übernachten und einem kurzen Spaziergang auf dem Pier.
santamonica
Aufgrund des schlechter werdenden Wetters legen wir einen Stop im Getty Museum ein.
getty
Nach gut zwei Stunden auf dem wundervollen Pacific Highway (PCH) erreichen wir Santa Barbara und haben Glück. Es findet gerade das SBIFF, das Santa Barbara International Film Festival statt.
kino
Einige Größen, wie Jeff Bridges, Quentin Tarantino und der Gouverneur von Kalifornien haben sich angesagt. Wir bekommen keinen der Herren zu Gesicht. Dafür ergattern wir zwei Tickets für den kanadischen Beitrag “Sticky Fingers”.
Am nächsten Tag ist Waschtag. In der Laundry im beschaulichen Pismo Beach vertreibt uns die Motorrad-Lady Nancy, die ihre Enduro leider gegen ein altersgerechtes Gefährt eintauschen musste, mit unterhaltsamen Geschichten die Zeit.
nancy
Zum Beispiel mit der über ihren Hund. Der hatte für Yamaha Werbespots gedreht und als Dankschön die besagte Enduro bekommen. Also machte Nancy den Führerschein und nahm ihn auf dem Sozius mit. Fair, oder?

PS1: Prinz Pudel will jetzt auch. Jungs, ich befürchte ich muss ihn auf der nächsten Mopedtour mitnehmen.

PS2: Die Chile Galerie ist on.

— A –

Puerto Varas – Viña Del Mar – Valparaíso – Santiago de Chile

03. Februar 2010

Na, die Pudel-Stats waren auch schon mal besser. Wer liest denn hier noch mit? Wenn das so weiter geht, werden wir Prinz Pudel verlosen müssen. Gewinnspiele sind bekanntermaßen ein verlässliches Instrument zur „Generierung von Klicks“ (MTV Schule).

Bevor ich aber zum Äußersten greife, versuche ich es noch mal mit liebevoll recherchierten Fakten aus der chilenischen Lebenswelt.
Als embedded Journalists reisen wir mit einem Bus vom hübschen Puerto Varas mit Vulkan und deutschen Gründungsvätern varasgen Viña Del Mar und Valparaíso. 13 Stunden mäandert der „Bus Norte“ durch Chiles Lake District. Ich finde keinen Schlaf, fühle mich unter den weit zurückgedrehten Sitzlehnen des Vordermanns wie in einer halb aufgezogenen Besteckschublade. Die Klotür neben mir fliegt auf und zu, der „Steward“ eilt mit Duftspray herbei, um die olfaktorischen Spuren einer breitschultrigen Chilenin zu verwischen. Hoffentlich sammelt er auch die Haare vom Waschbecken, bete ich. Vergebens. Was loses Haupthaar anbelangt, verfügen die Chilenen offenbar über ein anderes ästhetisches Empfinden. Die dicken schwarzen Haare klemmen zwischen Computertasten, liegen auf Restaurantböden, kleben an Klobrillen, schlängeln sich im Waschbecken. Und Haare hat es in Chile viele. Eine Chilenin mit Kurzhaarschnitt scheint undenkbar zu sein. Hinzu kommt die Vorliebe der zahlreichen “Metal-Chilenen”, sich ihre Haare bis zum Hintern wachsen zu lassen (Haare im Waschbecken, Kai, ich sage dir, dit perlt so ganz und gar nicht).
Es ist jedoch anzunehmen, dass auch die Chilenen mit den deutschen Gepflogenheiten Probleme haben könnten. Unsere Gastgeberin in Viña Del Mar beispielsweise wird unsere mangelnde Trinkfestigkeit enttäuscht haben.

Wir haben Isabel im südafrikanischen Chintsa kennen gelernt und sind ihrer großzügigen Einladung gefolgt, doch einige Tage in ihrem Haus unweit von Valparaiso zu verbringen. Drei Tage zwängt sich Isabel samt Boyfriend in das kleine Kinderzimmer ihrer Tochter, damit wir mehr Platz haben. Wir sind beschämt. Wenn es nach unserer warmherzigen Gastgeberin gegangen wäre, hätten aus den drei Tagen auch gerne drei Wochen werden können. Das lässt unsere Kondition nicht zu, denn wohnen bei Isabel heißt trinken mit Isabel.piscocola Jeden Abend holen wir sie von ihrem Arbeitsplatz, dem Verkaufsbüro von LAN Airline, ab, dann geht es los zum Pisco-Cola-Flatrate-Saufen. Während Isas Clique zwischen klebrigen Gläsern und fettigen Pommes die Vor- und Nachteile ihres neuen Regierungsoberhaupts Piñera, dem „Berlusconi Chiles“, diskutiert, kann ich schon nicht mehr geradeaus gucken. Auf der Toilette sehe ich die Haare im Waschbecken doppelt, das ist schlimm. Die liebe Isabel fährt uns nach Hause und bechert dann bis in die frühen Morgenstunden weiter. Es ist Mittwoch, nicht Samstag wohlgemerkt, aber in Chile geht man eben an fünf von sieben Tagen aus – egal welchen Alters.

Nach einem Zwischenstopp im pittoresquen Valparaísovalparaiso erreiche ich mit letzter Kraft Santiago de Chile. In der stickigen Hitze versuchen wir erst gar nicht Paparazzi-Shots von Witwe Margots Haus anzufertigen, sondern flüchten direkt ins kühle Museum für visuelle Kunst. Neben chilenischer Gegenwartskunstkunst wird Gerhard Richter gezeigt. Deutschland steht bei den Chilenen hoch im Kurs. Sogar eine Fastfoodkette haben sie uns gewidmet: „Fritz – Tradición Alemán“. So nehmen uns die Südamerikaner also auf kulinarischer Ebene wahr: fritz2
– Vau –

Rio Gallegos – El Calafate – Torres del Paine

23. Januar 2010

Eigentlich wollten wir mit dem Bus von Buenos Aires Richtung Westen nach Santiago de Chile. Wir haben umdisponiert. Sticky und ich sitzen im Flieger nach Rio Gallegos, der südlichsten Stadt auf argentinischem Festland. Wir hoffen, dort einen Bus zu erwischen, der uns ins Nachbarland bringt. Dann wollen wir uns langsam die chilenische Wurst hocharbeiten. Ohne etwas vorzubuchen. Aus dem Bauch heraus. Echt backpackerisch diesmal.
Neben uns sitzt ein älterer Argentinier und bekniet uns, ja fleht uns regelrecht an, Argentinien nicht zu verlassen, ohne vorher einen Stop in El Calafate einzulegen und uns den einzigen nicht abschmelzenden Gletscher der Welt, den Perito Moreno, anzuschauen. Und wenn wir Glück haben, wirklich großes Glück, kalbt er auch noch.
Um zwei Uhr morgens landen wir und nach ein paar Mini-Mützen Schlaf in der Schalterhalle des Flughafens
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nehmen wir den Bus nach El Calafate. Wir checken in ein nagelneues Hostel mit Blick auf den Lago Argentina nebst Flamingos ein und schlafen uns erst einmal aus. Am zweiten Abend starten wir nach einer Flasche Fernet Branca unseren von jungen Backpackern gefürchteten Schüttelbilder-Contest, den ich ob meiner schlafferen Gesichtshaut klar für mich entscheide.
schuettel
Am nächsten Tag ist Gletschertag. Vor uns baut sich auf einer Breite von zwei Kilometern eine 70 Meter hohe Eis-Wand auf.
gletscher
Madame Glacier ist in Gebärlaune. Im 10-Minutentakt laufen doppelhaushälftengroße Boliden donnernd und grollend vom Stapel. Amazing? Absolut! (Bilder in der Galerie)
Jetzt aber endlich nach Chile. Im Bus nach Puerto Natales empfiehlt uns ein holländisches Pärchen das Hostel Amerindia. Zu recht. Die Besitzerin stellt uns Anfängern sogar eine Trekkingtour im Nationalpark Torres del Paine zusammen. Zwei Tage Wandern bei grandiosem Wetter zwischen glasklaren Seen
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und schneebedeckten Gipfeln. Herrlich.
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Da Südchile zum großen Teil aus Inseln und Fjorden besteht, gibt es für die Weiterreise Richtung Norden nur zwei Optionen: Schiff oder Flugzeug.
Wir stellen uns vor, wie wir nach dem Captain’s Dinner mit einem Pisco Sour an der Rehling stehen, während die Sonne zwischen den Schären versinkt und buchen zwei Plätze auf dem Love Boat.
Schnell merken wir: Das Love Boat ist kein Love Boat, sondern eine gewöhnliche Fähre, die Kombüse hat DDR-Wochen und das an zwei von drei Tagen schlechte Wetter zwingt uns unter Deck. Egal. Zusammen mit Elena aus Arnheim und Nir aus Tel Aviv spielen wir stundenlang Domino, trinken literweise Rotwein und lästern ausgiebig über Crew und Mitreisende.
Am letzten Tag freuen sich meine drei Sea-Sick-Pills-Junkies über Sonne und ruhige See. Ich freu mich mit.
schiff

– A –