Archiv für die Kategorie ‘Japan’

Sumo-Ringer, Pantoffel-Interview und der letzte Eintrag

Dienstag, 30. März 2010

Drama, Drama, der letzte Tag der Weltreise ist angebrochen. Kofferpacken, Geschenkekaufen, rumheulen und dann noch diesen Blog zu Ende bringen. Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Es hilft nichts, ich muss mich kurz fassen. Der Rest folgt als Livebericht. Eh viel schöner.
Also:
Nach Tagen in Osaka (dem Berlin Japans) osakakam es im Zuge einer Recherche über Kapselhotels in Kyoto zu folgender kurioser Premiere: ich führe das erste Mal in meinem Leben ein Interview in Pantoffeln. Nach einer Nacht in diesem unbedingt empfehlenswerten Sleeping Hub des 9hours-Hotels ninehourstreffe ich in der Lobby auf Mr. Yui, den Manager des Designhotels. Er natürlich im grauen Zwirn mit Rolex am Arm, ich im Coco Chanel inspirierten Uniqlo-Kleid und Nylonstrumpfhosen. So weit, so schick – wären da nicht die Pantoffeln an unseren Füßen. Da kennen die Japaner kein Pardon. Ob Tempelbesuch, Teezeremonie oder Geschäftsessen im Ryotei, Stöckel- und Halbschuhe kommen aus!
Selbstverständlich respektiert der Europäer diesen Brauch, aber Anzüge und Kleider sehen mit Puschen schon sehr spaßig aus, da kann ich mir nicht helfen. Mir kommen immer noch die Tränen, wenn ich an den feinen Herrn Yui und mich in der Lobby denke.

Vor Lachen auf die Schenkel klopfe ich mir allerdings nicht mehr beim Anblick speckiger Sumo-Boys. Wir haben die letzten Yen in ein Ticket für ein Turnier in Osaka gesteckt und die anfängliche Skepsis schlägt schnell in Begeisterung um. sumoAllein wie die rikishi (Kämpfer) zur Reinigung eine Handvoll Salz in den Ring (dohyo) streuen, wie sie in die Hände klatschen, um die Aufmerksamkeit der Götter zu erregen und mit dem Fuß aufstampfen, um das Böse zu vertreiben – großes Kino. Kann es diese Rituale nicht in der Bundesliga geben? Kann nicht Schweinsteiger sein Haupthaar zu einem Gingkoblatt frisieren? Ich würde immer Bundesliga gucken, ich schwör’!

Und zum Fussballgucken ist ja bald Gelegenheit, denn das war es nun mit sechs Monaten on the road. Das Geld ist alle, im Pass werden die Seiten knapp – Zeit nach Hause zu fliegen. passAn dieser Stelle könnte man jetzt furchtbar rührseelig werden, aber es gibt keinen Grund wie ein Schluck Wasser in der Rechtskurve zu hängen (rede ich mir jetzt ma’ ein). Die Zukunft sieht rosig aus: wir sehen die treuen Pudel-Leser wieder (es gibt ja einen neuen, kleinen in Düsseldorf!) und außerdem stehen uns goldene Zeiten bevor, vorausgesetzt diese Glückskeks-Prophezeiungen treten ein:keks

Naoshima – Fukuoka – Nagasaki

Montag, 22. März 2010

Die beiden 7eleven-Angestellten hinterm Tresen starren ihren einzigen Kunden, eine Langnase, schweigend an. Die hat gerade einen druckfrischen
10000-Yen-Schein aus dem Automaten gezogen und vor ihren Augen zerissen. Ein Affront gegen die japanische Währung? Nein, ich bin mal wieder etwas zerstreut heute: Quittung in die Brieftasche, 80 Euro in den Müll. Sehr gut Andi!
10000
Wir haben nach acht Tagen Tokyo unseren Railpass eingelöst und die Hauptstadt Richtung Westen verlassen. Mit dem Pass kann man für 450 € 21 Tage lang zweiter Klasse durchs Land reisen, allerdings im First-Class-Ambiente. Egal ob superschneller Shinkansen oder lokale Bimmelbahn, es gibt reichlich Platz, die Schaffner verbeugen sich beim Betreten UND Verlassen des Waggons und die adrett uniformierten Zugführer setzen eine Miene auf, als kutschierten sie den Tenno persönlich. Da kann sich die BVG ruhig mal ein Scheibchen abschneiden.
Unser erstes Ziel: die Inseln im Seto-Inlandsee. Die Gegend erinnert ein bisserl an die schwedischen Schärengärten. Im Gegensatz zu Skandinavien sind hier überall Aquakulturen. Es riecht fischig, algig und irgendwie ölig. Auf der Insel Shodoshima finden wir ein kleines Ryokan-Hotel. Hier ist das Leben erheblich beschaulicher. Sogar die Werbung beschränkt sich auf Leuchtschriften im traditionellen Style.
laterne
Unser eigentliches Interesse aber gilt der Nachbarin Naoshima. Diese Insel ist komplett mit Kunstmuseen, Installationen und Skulpturen überzogen. Besonders beeindruckend die Lichtinstallationen von James Turrell im halb unterirdischen Chichu Art Museum. Fotografieren verboten.
Knipsen wir halt die Skulpturen, wie zum Beispiel diesen Kürbis von Yayoi Kusama.
kuerbis
Nach zwei Tagen Landleben muss wieder eine Stadt her. Empfohlen wurde uns Fukuoka im Westen des Landes, wegen der Yatai, mobile Garküchen am Ufer des Nakasu. Trotz Warnung eines Locals (“Way too expensive!“) setzen wir uns in eine der Bretterbuden und bestellen ein paar Spiesschen und zwei Bier.
spiesschen
60 € kostet uns unsere Neugier. Damn!
Da bleib ich doch lieber bei Sushi (ca. 15 €) oder meinen geliebten Ramen. Das sind große Nudelsuppen für ca. 5 Euro. Getrübt wird dieser Genuss leider von den Extremstgeräuschen der japanischen Tischnachbarn. Sie heben mit den Stäbchen einen Nudelbatzen aus der Suppe, stecken den Anfang in den Mund und saugen den Rest lautstark ein. (Getoppt wird dieses Geräusch nur noch vom Nase-Hochziehen. Selbst zartgliedrigste Frauen ziehen im 3-Sekundentakt ihren Schnodder quer durch den Kopf.) Starker Tobac für ein europäisches Nervenkostüm.
Zum Frühstück gönne ich mir immer ein bis zwei dieser halbrohen Schokoladen-Hefe-Teile aus dem Family-Mart. Die sind der Wahnsinn
teilchen
und schmecken wie früher Kuchenteigschüsselausschlecken bei Mama.
Am letzten Tag im Westen des Landes fahren wir nach Nagasaki. Hier besuchen wir nicht die Atombomben-Mahnmale (das ist für Hiroshima geplant) sondern probieren mal eines dieser Love-Hotels aus.
(Aus Recherchezwecken natürlich. Meine Freundin ist Journalistin!)
In diesen Etablissements mieten vornehmlich Japaner für 3-12 Stunden ein Zimmer, um mit dem Partner ihrer Wahl der heimischen Enge und Hellhörigkeit zu entfliehen.
love2
In der Lobby ist kein Mensch. Alles automatisiert. Man sucht per Knopfdruck das gewünschte Zimmer aus und ein Automat druckt die Keycard aus. Oben im Zimmer verriegelt sich hinter uns die Tür. Eingesperrt. Na toll. Und wenn’s brennt?
Bezahlt wird eigentlich per lustiger Rohrpost. Da ich das nicht kapiere, muss sich ein Angestellter an unsere Tür bemühen. Das Wechselgeld kommt am nächsten Morgen auf dem diskreteren Weg.
Das Zimmer: Queensize Doppelbett mit Mahagoni-Imitat, Kronleuchter und Karaoke-Anlage.
karaoke
Das Bad: Onsen-Dusche, Whirlwanne und Minitrockner. In beiden Räumen natürlich Flachbildschirme. Auf denen laufen japanisches Baseball, japanisches MTV, Blockbuster und geblurrte Schmuddelfilme.
Wir entscheiden uns für „Ein Quantum Trost“, krümeln mit Reiscrackern das Bett voll, stoßen mit Sake aus Landliebegläsern an und so weiter…
— A —

Die Japangalerie is on.

Tokyo Tokyo!

Freitag, 12. März 2010

Wir sind in Japan und schießen seit Tagen wie Kugeln in einem Flipperautomat durch Tokyo und Umgebung. Ding ding ding ding! Es gibt so viel zu sehen, so viel zu fotografieren. Wo anfangen, wo aufhören?
Manga-Mädchen-Reklame!
reklame

Mount Fuji mit verspielten Zug!fuji
Geta, traditionelle Holzschuhe, in der U-Bahn!
kimono_shoes

Menschenmeer an der Shibuya Kreuzung! shibuya

Der Sensō-ji Tempel in Asakusa! shinto

Bento Boxen, der Welt schönstes Take-Away-Essen!
fastfood

Asimo, humanoider Roboter und Star des Miraikan Museums (Prinz Pudel traut sich bei all dem High Tech Spielzeug schon nicht mehr aus dem Koffer)!

Und dazwischen all die feschen Japaner in Prada und Gucci mit Mundschutz und Hello-Kitty Anhängern an der Tasche. Schaut man sich suchend um, findet sich stets einer von ihnen, um den “Gaijin” (reisender Ausländer) an der Hand auf Bahnsteige, zu Hotels und Nudelhäusern zu geleiten. Verliert der dusselige Gaijin im Museum sein Portemonnaie, kann er sich sicher sein, dass es eine vornehme Dame an der Kasse abgibt (samt aller Kreditkarten und Yen-Noten versteht sich).

Es ist herrlich!
Man müsste nur ein bisschen kleiner sein, dann könnte man sich leichter in die Setzkasten-Fächer des Hotels einsortieren. Sechs Tatami-Matten misst der Raum im Tokyo Ryokan, einem traditionellen japanischen Inn. Sehr stilvoll, mit Papier bespannte Fensterrahmen, Pinien- und Zedernduft verströmend, klinisch reine Futons, ryokanaber zehn Quadratmeter Platz (ohne Schrank) sind für ungelenkige Europäer keine leichte Übung.
Wimpernzange in der ruckeligen U-Bahn benutzen? Welches Mädchen kommt auf solch kühne Ideen? schild Seit ich auf sechs Reisstrohmatten wohne (übrigens die Standardgröße eines japanischen Wohn- bzw. Schlafzimmers sagt Gastgeber Kenichi), ziehe auch ich in Erwägung, mein Make-Up in der U-Bahn aufzulegen – da ist definitiv mehr Platz.

– Vau –

PS: Martin, Alex, Kai & Fonso – thanks a lot für eure feinen Tipps! Vom Punkrockjaponesen (kann leider hier nicht verlinkt werden, mir ist der Name entfallen) über Maid Cafés, Tokyu Hands und Vintage Stores in Daikanyama haben wir alles besucht!