Archiv für die Kategorie ‘Südamerika’

Puerto Varas – Viña Del Mar – Valparaíso – Santiago de Chile

Mittwoch, 03. Februar 2010

Na, die Pudel-Stats waren auch schon mal besser. Wer liest denn hier noch mit? Wenn das so weiter geht, werden wir Prinz Pudel verlosen müssen. Gewinnspiele sind bekanntermaßen ein verlässliches Instrument zur „Generierung von Klicks“ (MTV Schule).

Bevor ich aber zum Äußersten greife, versuche ich es noch mal mit liebevoll recherchierten Fakten aus der chilenischen Lebenswelt.
Als embedded Journalists reisen wir mit einem Bus vom hübschen Puerto Varas mit Vulkan und deutschen Gründungsvätern varasgen Viña Del Mar und Valparaíso. 13 Stunden mäandert der „Bus Norte“ durch Chiles Lake District. Ich finde keinen Schlaf, fühle mich unter den weit zurückgedrehten Sitzlehnen des Vordermanns wie in einer halb aufgezogenen Besteckschublade. Die Klotür neben mir fliegt auf und zu, der „Steward“ eilt mit Duftspray herbei, um die olfaktorischen Spuren einer breitschultrigen Chilenin zu verwischen. Hoffentlich sammelt er auch die Haare vom Waschbecken, bete ich. Vergebens. Was loses Haupthaar anbelangt, verfügen die Chilenen offenbar über ein anderes ästhetisches Empfinden. Die dicken schwarzen Haare klemmen zwischen Computertasten, liegen auf Restaurantböden, kleben an Klobrillen, schlängeln sich im Waschbecken. Und Haare hat es in Chile viele. Eine Chilenin mit Kurzhaarschnitt scheint undenkbar zu sein. Hinzu kommt die Vorliebe der zahlreichen “Metal-Chilenen”, sich ihre Haare bis zum Hintern wachsen zu lassen (Haare im Waschbecken, Kai, ich sage dir, dit perlt so ganz und gar nicht).
Es ist jedoch anzunehmen, dass auch die Chilenen mit den deutschen Gepflogenheiten Probleme haben könnten. Unsere Gastgeberin in Viña Del Mar beispielsweise wird unsere mangelnde Trinkfestigkeit enttäuscht haben.

Wir haben Isabel im südafrikanischen Chintsa kennen gelernt und sind ihrer großzügigen Einladung gefolgt, doch einige Tage in ihrem Haus unweit von Valparaiso zu verbringen. Drei Tage zwängt sich Isabel samt Boyfriend in das kleine Kinderzimmer ihrer Tochter, damit wir mehr Platz haben. Wir sind beschämt. Wenn es nach unserer warmherzigen Gastgeberin gegangen wäre, hätten aus den drei Tagen auch gerne drei Wochen werden können. Das lässt unsere Kondition nicht zu, denn wohnen bei Isabel heißt trinken mit Isabel.piscocola Jeden Abend holen wir sie von ihrem Arbeitsplatz, dem Verkaufsbüro von LAN Airline, ab, dann geht es los zum Pisco-Cola-Flatrate-Saufen. Während Isas Clique zwischen klebrigen Gläsern und fettigen Pommes die Vor- und Nachteile ihres neuen Regierungsoberhaupts Piñera, dem „Berlusconi Chiles“, diskutiert, kann ich schon nicht mehr geradeaus gucken. Auf der Toilette sehe ich die Haare im Waschbecken doppelt, das ist schlimm. Die liebe Isabel fährt uns nach Hause und bechert dann bis in die frühen Morgenstunden weiter. Es ist Mittwoch, nicht Samstag wohlgemerkt, aber in Chile geht man eben an fünf von sieben Tagen aus – egal welchen Alters.

Nach einem Zwischenstopp im pittoresquen Valparaísovalparaiso erreiche ich mit letzter Kraft Santiago de Chile. In der stickigen Hitze versuchen wir erst gar nicht Paparazzi-Shots von Witwe Margots Haus anzufertigen, sondern flüchten direkt ins kühle Museum für visuelle Kunst. Neben chilenischer Gegenwartskunstkunst wird Gerhard Richter gezeigt. Deutschland steht bei den Chilenen hoch im Kurs. Sogar eine Fastfoodkette haben sie uns gewidmet: „Fritz – Tradición Alemán“. So nehmen uns die Südamerikaner also auf kulinarischer Ebene wahr: fritz2
– Vau –

Rio Gallegos – El Calafate – Torres del Paine

Samstag, 23. Januar 2010

Eigentlich wollten wir mit dem Bus von Buenos Aires Richtung Westen nach Santiago de Chile. Wir haben umdisponiert. Sticky und ich sitzen im Flieger nach Rio Gallegos, der südlichsten Stadt auf argentinischem Festland. Wir hoffen, dort einen Bus zu erwischen, der uns ins Nachbarland bringt. Dann wollen wir uns langsam die chilenische Wurst hocharbeiten. Ohne etwas vorzubuchen. Aus dem Bauch heraus. Echt backpackerisch diesmal.
Neben uns sitzt ein älterer Argentinier und bekniet uns, ja fleht uns regelrecht an, Argentinien nicht zu verlassen, ohne vorher einen Stop in El Calafate einzulegen und uns den einzigen nicht abschmelzenden Gletscher der Welt, den Perito Moreno, anzuschauen. Und wenn wir Glück haben, wirklich großes Glück, kalbt er auch noch.
Um zwei Uhr morgens landen wir und nach ein paar Mini-Mützen Schlaf in der Schalterhalle des Flughafens
airport
nehmen wir den Bus nach El Calafate. Wir checken in ein nagelneues Hostel mit Blick auf den Lago Argentina nebst Flamingos ein und schlafen uns erst einmal aus. Am zweiten Abend starten wir nach einer Flasche Fernet Branca unseren von jungen Backpackern gefürchteten Schüttelbilder-Contest, den ich ob meiner schlafferen Gesichtshaut klar für mich entscheide.
schuettel
Am nächsten Tag ist Gletschertag. Vor uns baut sich auf einer Breite von zwei Kilometern eine 70 Meter hohe Eis-Wand auf.
gletscher
Madame Glacier ist in Gebärlaune. Im 10-Minutentakt laufen doppelhaushälftengroße Boliden donnernd und grollend vom Stapel. Amazing? Absolut! (Bilder in der Galerie)
Jetzt aber endlich nach Chile. Im Bus nach Puerto Natales empfiehlt uns ein holländisches Pärchen das Hostel Amerindia. Zu recht. Die Besitzerin stellt uns Anfängern sogar eine Trekkingtour im Nationalpark Torres del Paine zusammen. Zwei Tage Wandern bei grandiosem Wetter zwischen glasklaren Seen
torres1
und schneebedeckten Gipfeln. Herrlich.
torres2
Da Südchile zum großen Teil aus Inseln und Fjorden besteht, gibt es für die Weiterreise Richtung Norden nur zwei Optionen: Schiff oder Flugzeug.
Wir stellen uns vor, wie wir nach dem Captain’s Dinner mit einem Pisco Sour an der Rehling stehen, während die Sonne zwischen den Schären versinkt und buchen zwei Plätze auf dem Love Boat.
Schnell merken wir: Das Love Boat ist kein Love Boat, sondern eine gewöhnliche Fähre, die Kombüse hat DDR-Wochen und das an zwei von drei Tagen schlechte Wetter zwingt uns unter Deck. Egal. Zusammen mit Elena aus Arnheim und Nir aus Tel Aviv spielen wir stundenlang Domino, trinken literweise Rotwein und lästern ausgiebig über Crew und Mitreisende.
Am letzten Tag freuen sich meine drei Sea-Sick-Pills-Junkies über Sonne und ruhige See. Ich freu mich mit.
schiff

– A –

Adios, Buenos Aires, adios…

Dienstag, 12. Januar 2010

In eine Stadt, die einem in Panoramabar-Schlangen als „da shit“ angepriesen wird, bei der Fotografen leuchtende Augen bekommen und Rucksacktouristen kreischen „BA? Ein Must-See!“ reist man mit einer gewissen Erwartungshaltung. Mit einer sehr hohen Erwartungshaltung – um genau zu sein. Selbst Schuld. Wir hätten ahnen müssen, dass man einer Stadt, in der Christian Kracht darüber nachdenkt, „demnächst als Provinzgouverneur (…) etwas neo-peronistisches zu starten“ nicht blindes Vertrauen schenken darf. Dass man möglicherweise mit unliebsamen Überraschungen rechnen muss.

  • Mit dem Fehlen von Teilen im Überraschungsei beispielsweise.
  • Oder mit dem frechen „Ach komm“-Lächeln der Taschendiebe, wenn man ihre Hand aus dem eigenen Rucksack zieht.
  • Oder mit der Tatsache ohne Reisepass keinen Kopfsprung ins kühle Nass tun zu können. Das nächste öffentliche Schwimmbad liegt nämlich auf der anderen Seite des Rio de la Plata, in Uruguay:pool Mythos und Realität driften vollends auseinander, wenn am Silvesterabend sämtliche Restaurants schließen, sich Buenos Aires Schickeria samt Raketen nach Montevideo verzieht und uns zum Abschied ihre geschredderten Akten vom Vorjahr auf den Kopf rieseln lässt (zugegeben ein netter Brauch).schnipsel All das ist uns widerfahren. Doch auch wenn Buenos Aires unserer Erwartungshaltung als Party-Metropole ganz und gar nicht gerecht wurde, so verdienen die Portenos trotzdem unsere Zuneigung.
    Allein für ihr architektonisches Geschick mit dem sie aufs kompromissloseste Alt und Neu vereinen.alt_neuOder für den geschmackvollen Einsatz meines persönlichen Lieblingsbaustoffs: BETON. betonFür ihren sinnlichen Tangotanz, bei dem sich Körperumfang und Grazie keineswegs ausschließen müssen (gesehen in der wunderbaren Confiteria La Ideal – dem Ort des echten Tangos):

    Hochachtung auch vor Museen wie der inspirierenden Fundación Malba, dessen Eintritt sich gerade mal auf einen Euro beläuft und von dem sich die Kuratoren des Hamburger Bahnhofs mal einiges abgucken sollten.
    malba
    Und last but definitely not least: Respekt vor dem Grillen der Welt besten Steaks (probiert u.a. im “Standard”).

    fleisch

    – VAU –

  • Buenos Aires – Parte Dos

    Samstag, 02. Januar 2010

    Irgendwie hat unser Worldtrip etwas an Schwung verloren. Der Gemüsehändler winkt mir zu, die Frau in der Wäscherei kennt meinen Namen und wir nennen unser Appartment schon “zu Hause”. Ok, nach 10000 km quer durch Südafrika war diese kleine Verschnaufpause ja geplant und wir waren auch schon ein paar Tage in Patagonien, aber irgendwie schleicht sich langsam Routine ein. Wir brauchen Abwechslung.
    Zum Glück kommt die in Form von Diana und Christoph. Die beiden Hamburger haben sich spontan entschlossen, uns in Argentiniens Hauptstadt zu besuchen. Wir zeigen Ihnen natürlich sofort, wo es das beste Steak, die schönsten Erdbeeren und die coolsten stoplight worker gibt.
    streetworker
    Wir verwetten gemeinsam beim Pferderennen im Hippodromo Palermo einige Pesos,
    hippodromo
    trinken unter Palmen Champanne
    champanne
    und schauen uns das Silvesterfeuerwerk(chen) an,
    feuerwerk2
    und registrieren erstaunt wie sich unser Kiez langsam mit Rallye-Fahrzeugen und den dazugehörigen Crews aus aller Welt füllt.
    parisdakar2
    Denn die am 1. Januar startende Paris-Dakar wurde aufgrund von Terrordrohungen kurzerhand nach Südamerika verlegt.
    Und übermorgen fahren wir mit der Fähre über den Río de la Plata nach Uruguay.
    Hab ich was von Routine gesagt?

    – A –

    Patagonien – 3 Taranteln in 3 Tagen

    Mittwoch, 23. Dezember 2009

    Diverse Tiere sind zurück. Erstmal ist es Prinz Pudel, der wieder aufgetaucht ist. Gottlob! Wie hätten wir dagestanden, in einer Stadt wie Buenos Aires, wo in jedem dritten Haushalt ein Schwanz wedelt und Paseadore de perros, professioneller Gassi-Geher, ein angesehener Beruf ist?
    gassi
    Als Strafe für sein zeitweises Verschwinden nehmen wir Prinz Pudel nicht mit auf die Península Valdés (Naturreservat, See-Elefanten-Kolonien etc. Wikipedia weiß wie immer mehr), sondern beladen die Rückbank des Fiat Unos mit zwei trampenden Belgiern. Wir hoffen, dass sie „etwas Stimmung in die Bude bringen“, der Weg durch die Pampa – die reale, nicht die sprichwörtliche – erweist sich nämlich als enttäuschend eintönig. Die einzigen Farbtupfer auf dem 1400 km langen Ritt sind diese roten Gaucho-Schreine, deren Bedeutung wir noch ergooglen müssen. gaucho

    Was den Unterhaltungswert der bebrillten Studenten betrifft, scheint das Duo die dröge Landschaft noch übertreffen zu wollen. Wenigstens wechseln sie hinter Bahia Blanca artig unseren platten Reifen.

    2100 Pesos, knapp 400 Euro, muss man dem Autovermieter in Buenos Aires für sieben Tage italienischen Kleinwagen in die Hand zählen. Ob es das Vergnügen wert ist? Sagen wir es so: Wären wir in Buenos Aires geblieben, hätten wir die rührenden Momente verpasst, in denen uns Tankwarte eine handvoll Bonbons anstelle von Wechselgeld anboten (in Argentinien herrscht derzeit ein nicht zu erklärender Mangel an Münzen). Auch hätte dieses schnittige Kajak ohne uns in See stechen müssen kayakund niemand hätte das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Seelöwen zur Paarungszeit bemitleidet.

    Ferner hätte ich Spinne Nummer vier, fünf und sechs nicht abhaken können – allesamt Taranteln, gesehen auf der National Route zwischen San Antonio und Puerto Madryn.

    Hätte man mich im Vorfeld darüber informiert, dass ich zur Halbzeit dieser Reise bereits zwei 7 cm große Hausspinnen, eine handgroße Wüstenspinne und drei Taranteln (!) antreffen würde, ich hätte den 3000-Euro-Flug eiskalt verfallen lassen und eine Woche Sylt gebucht. Nun – da das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist – werde ich von Mal zu Mal entspannter. Es ist erstaunlich, wenn nicht sogar ein kleines Wunder. Die letzte Tarantel habe ich sogar von Andi fotografieren lassen und das Ergebnis eigenhändig im Photoshop bearbeitet. Hier also zu meiner und unser aller Therapie die Tarantel:
    spinne
    Krass, ge?

    – VAU –

    Buenos Aires – Parte Uno

    Montag, 14. Dezember 2009

    “Quin es? Soy Verena. De donde sos y cual es la profession? Soy de la Alemania y soy periodista. Cuantos idiomas habla? Hablo dos idiomas.”
    Ich sitze im Spanischunterricht. Es ist heiß. Der Ventilator rührt fleißig die verbrauchte Luft um und Sticky muß mit unserer Lehrerin Rosaria Konversation üben. Zeit zu dösen…
    Gestern haben wir uns ein Spiel der “River Plates” angeschaut. (Eigentlich wollten wir ja ins legendäre Boca-Juniors-Stadion, aber die spielen zur Zeit grottig und im unteren Tabellendrittel. Außerdem pinkeln einen dort die Hooligans an – behaupten die Argentinier.) Die Plates gewinnen 2:0 und die Fans sind aus dem Häuschen. Sie trommeln und singen ohne Pause.
    riverplates
    Nach dem Abpfiff werden wir noch geschlagene 20 Minuten von der Polizei zurückgehalten. Damit die Gäste-Fans einen Vorsprung bekommen.
    Das ist bei dem Verkehr hier nicht sehr viel. Überhaupt der Verkehr. Die Straßen sind permanent verstopft und es ist laut. Vorallem wegen der gepimpten Busse im 70er-Jahre-Style. Sehr schön anzuschauen. Viel Chrom, viele Lampen, aber sie machen einen Heidenlärm.
    bus
    Die pfeifen wie kaputte Quietsche-Enten. Allerdings mit 90 Dezibel. Abgesehen davon ist Buenos Aires wirklich toll. Erinnert ein bisserl an Barcelona. Nur größer. Und etwas schäbiger. (Verena meint: osteuropäischer)
    Unser kleines Loft jedenfalls ist perfekt.
    loft
    Ruhig gelegen in Palermo Viejo mit jeder Menge Shops, Restaurants und Bars in der, mit Street Art verschönerten, Nachbarschaft
    streetart
    und nur zwei Blocks entfernt von unserem Jogging-Park.
    jogging
    Der ist auch nötig bei dem hervorragendem Essen.
    Die Puertenos (wie die Haupstädter hier heißen) sind wirklich sehr freundlich. Nur allein mit Englisch kommt man nicht sehr weit. Deshalb sitzen wir jetzt hier und…
    Andreas, que desayuna a la manana? Äh – Was?
    – A -