Naoshima – Fukuoka – Nagasaki

Die beiden 7eleven-Angestellten hinterm Tresen starren ihren einzigen Kunden, eine Langnase, schweigend an. Die hat gerade einen druckfrischen
10000-Yen-Schein aus dem Automaten gezogen und vor ihren Augen zerissen. Ein Affront gegen die japanische Währung? Nein, ich bin mal wieder etwas zerstreut heute: Quittung in die Brieftasche, 80 Euro in den Müll. Sehr gut Andi!
10000
Wir haben nach acht Tagen Tokyo unseren Railpass eingelöst und die Hauptstadt Richtung Westen verlassen. Mit dem Pass kann man für 450 € 21 Tage lang zweiter Klasse durchs Land reisen, allerdings im First-Class-Ambiente. Egal ob superschneller Shinkansen oder lokale Bimmelbahn, es gibt reichlich Platz, die Schaffner verbeugen sich beim Betreten UND Verlassen des Waggons und die adrett uniformierten Zugführer setzen eine Miene auf, als kutschierten sie den Tenno persönlich. Da kann sich die BVG ruhig mal ein Scheibchen abschneiden.
Unser erstes Ziel: die Inseln im Seto-Inlandsee. Die Gegend erinnert ein bisserl an die schwedischen Schärengärten. Im Gegensatz zu Skandinavien sind hier überall Aquakulturen. Es riecht fischig, algig und irgendwie ölig. Auf der Insel Shodoshima finden wir ein kleines Ryokan-Hotel. Hier ist das Leben erheblich beschaulicher. Sogar die Werbung beschränkt sich auf Leuchtschriften im traditionellen Style.
laterne
Unser eigentliches Interesse aber gilt der Nachbarin Naoshima. Diese Insel ist komplett mit Kunstmuseen, Installationen und Skulpturen überzogen. Besonders beeindruckend die Lichtinstallationen von James Turrell im halb unterirdischen Chichu Art Museum. Fotografieren verboten.
Knipsen wir halt die Skulpturen, wie zum Beispiel diesen Kürbis von Yayoi Kusama.
kuerbis
Nach zwei Tagen Landleben muss wieder eine Stadt her. Empfohlen wurde uns Fukuoka im Westen des Landes, wegen der Yatai, mobile Garküchen am Ufer des Nakasu. Trotz Warnung eines Locals (“Way too expensive!“) setzen wir uns in eine der Bretterbuden und bestellen ein paar Spiesschen und zwei Bier.
spiesschen
60 € kostet uns unsere Neugier. Damn!
Da bleib ich doch lieber bei Sushi (ca. 15 €) oder meinen geliebten Ramen. Das sind große Nudelsuppen für ca. 5 Euro. Getrübt wird dieser Genuss leider von den Extremstgeräuschen der japanischen Tischnachbarn. Sie heben mit den Stäbchen einen Nudelbatzen aus der Suppe, stecken den Anfang in den Mund und saugen den Rest lautstark ein. (Getoppt wird dieses Geräusch nur noch vom Nase-Hochziehen. Selbst zartgliedrigste Frauen ziehen im 3-Sekundentakt ihren Schnodder quer durch den Kopf.) Starker Tobac für ein europäisches Nervenkostüm.
Zum Frühstück gönne ich mir immer ein bis zwei dieser halbrohen Schokoladen-Hefe-Teile aus dem Family-Mart. Die sind der Wahnsinn
teilchen
und schmecken wie früher Kuchenteigschüsselausschlecken bei Mama.
Am letzten Tag im Westen des Landes fahren wir nach Nagasaki. Hier besuchen wir nicht die Atombomben-Mahnmale (das ist für Hiroshima geplant) sondern probieren mal eines dieser Love-Hotels aus.
(Aus Recherchezwecken natürlich. Meine Freundin ist Journalistin!)
In diesen Etablissements mieten vornehmlich Japaner für 3-12 Stunden ein Zimmer, um mit dem Partner ihrer Wahl der heimischen Enge und Hellhörigkeit zu entfliehen.
love2
In der Lobby ist kein Mensch. Alles automatisiert. Man sucht per Knopfdruck das gewünschte Zimmer aus und ein Automat druckt die Keycard aus. Oben im Zimmer verriegelt sich hinter uns die Tür. Eingesperrt. Na toll. Und wenn’s brennt?
Bezahlt wird eigentlich per lustiger Rohrpost. Da ich das nicht kapiere, muss sich ein Angestellter an unsere Tür bemühen. Das Wechselgeld kommt am nächsten Morgen auf dem diskreteren Weg.
Das Zimmer: Queensize Doppelbett mit Mahagoni-Imitat, Kronleuchter und Karaoke-Anlage.
karaoke
Das Bad: Onsen-Dusche, Whirlwanne und Minitrockner. In beiden Räumen natürlich Flachbildschirme. Auf denen laufen japanisches Baseball, japanisches MTV, Blockbuster und geblurrte Schmuddelfilme.
Wir entscheiden uns für „Ein Quantum Trost“, krümeln mit Reiscrackern das Bett voll, stoßen mit Sake aus Landliebegläsern an und so weiter…
— A —

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